Liebe Seele zwischen düsteren Wolken

Orgelkonzert Andrea Kumpe brilliert mit gewichtigen Werken in St. Nikolaus

von Sebastian König

Immenstadt
Draußen regnet es, düstere Wolken bedecken den Himmel, dennoch haben viele den Weg in die Immenstädter Pfarrkirche St. Nikolaus zu dem Orgelkonzert von Andrea Kumpe gefunden. Dass ihre Auswahl aus der Meisterklassen-Prüfung so gut zu dem Wetter passen würde, hätte die Interpretin wohl vorher nicht gedacht.

Das Programm, bestehend aus „Standardstücken“, wie die Organistin selbst sagt, beginnt nach einer kurzen Einführung von Christian Kohler mit der Fantasie und Fuge „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ von Max Reger. Das Kirchenlied, dessen hoffnungsfrohe Botschaft häufig mit der Adventszeit assoziiert wird, fasst Reger gänzlich anders auf. Für ihn beschreibt der Text „das Kommen des Herrn am Ende der Zeit“. Und so beginnt das Werk, passend zum Wetter, in düsterem leisen Bass, steigert sich expressiv in der Lautstärke und verliert zunehmend an Dissonanz.

Gut gelingen Andrea Kumpe die vielen Dynamiksprünge zwischen zartestem Pianissimo und wuchtigstem Forte. Detailliert arbeitet sie anschließend in der Fuge, welcher nichts mehr von der bedrückenden Stimmung innewohnt, die Melodiebögen heraus. Hier ist deutlich die Nähe zu Bach zu hören, schreibt Max Reger seine Fuge doch in bachschem Duktus, jedoch mit seiner ihm eigenen Tonsprache.

Wohl deswegen schließt Andrea Kumpe das Choralvorspiel „Schmücke dich, o liebe Seele“ von Johann Sebastian Bach als zweites Stück an. Wie schon bei dem Werk von Max Reger basiert dieses Stück auf einem Choral.

Im Gegensatz dazu steht der Finalsatz aus der „3. Symphonie“ von Louis Vierne. Ganz im Stil der Spätromantik geschrieben, beginnt er leise, nimmt aber immer weiter an Lautstärke zu. Die fortlaufende Bewegung in der Musik ist Sinnbild für Viernes Kampf gegen eine schwere Krankheit und Grundbaustein zugleich. Andrea Kumpe schafft es, trotz der Komplexität, nicht nur, die einzelnen Linien, sondern auch die Klangfarben differenziert zu skizzieren.

Viel Gespür für Farben

Mit „Pièce héroique“ hat Andrea Kumpe als viertes Werk eines der Bekanntesten von César Franck ausgewählt. Das markante Thema, welches die Organistin mit viel Gespür für Stimmungen und Farben gestaltet, zieht sich melodiös und klangreich durch das ganze Werk und gipfelt in einem fulminanten Ende.

Als fünftes und letztes Werk erklingen die „Variations sérieuses d-Moll“ von Felix Mendelssohn Bartholdy in einer Fassung für Orgel von Max
Schmeding. Den teils höchst virtuosen Variationen begegnet Andrea Kumpe souverän. Jede Variation erklingt in einem anderen Gewand, von sanftesten Klangketten zu wuchtigstem Forte. Der Schluss verklingt leise in einem Moll-Akkord und entlässt die begeisterten Zuhörer mit dem Gefühl, ein tolles Konzert und eine großartige Organistin gehört zu haben.

Allgäuer Zeitung, 22.06.2010